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Das Mädchen mit dem Pferdeschwanz
In den Sommermonaten verlebte ich die meiste Zeit im Schwimmbad. Wir hatten insofern Glück, dass in unmittelbarer Nähe von unserer Straße ein Freibad war, gerade mal zu Fuß in fünf Minuten zu erreichen.
Wenn im Mai, spätestens Anfang Juni die Außentemperaturen es zuließen, wurde das Becken mit Wasser gefüllt und nur vier bis fünf Tage später war die Eröffnung. Wassertemperaturen am Anfang von 13 - 14 Grad Celsius waren keine Seltenheit, aber es dauerte gewöhnlich nicht lange, da waren erträgliche 17 - 18 Grad erreicht.
Wenn im Hochsommer die Wassertemperaturen in Richtung 23 - 24 Grad gingen, schlug das Becken um. Plötzlich war das Wasser ganz grün und am Boden spürte man eine glitschige Masse. Dann wurde das Freibad ein paar Tage geschlossen, das Becken geleert, gesäubert, neu befüllt und wenige Tage später ging alles von vorn los. Eine Umwälzanlage, geschweige eine Beheizung, gab es nicht. Beim Betreten der Umkleidekabinen empfing einen ein Geruch, so typisch für das Schwimmbad, dass ich glaube ihn heute noch "herausriechen" zu können. Es gab auch einige Duschen, aber die nutzten wir damals sowieso nicht und zum Pinkeln, gingen wir auch nicht immer auf die Toilette!
Schon sehr früh, für damalige Verhältnisse, lernte ich dort Schwimmen, dann erschwamm ich den "Freischwimmer" ( 15 Minuten ohne Beckenrandberührung) und wenige Wochen später den "Fahrtenschwimmer". Ich bekam, nachdem ich die Zeit ohne "Schlappmachen" geschwommen hatte, eine Urkunde und ein Stoffabzeichen. Das Abzeichen musste Mutter noch am gleichen Tage auf die Badehose nähen, damit alle im Freibad sehen konnten, was ich für ein toller Schwimmer war.
Der Höhepunkt war aber die Erlangung des DLRG-Grundscheines. Hierfür musste man fünfundzwanzig Meter mit Kleidern schwimmen, aus drei Meter Tiefe einen Stein holen, Wiederbelebung und Mund zu Mund-Beatmung lernen und was weiß ich noch alles. Als ich mit dem neuen DLRG-Stoffabzeichen auf der Badehose im Freibad erschien, meinte ich, dass sich alle vor mir verbeugen würden.
Es kam die Zeit, wo wir uns für das andere Geschlecht zu interessieren begannen und die Badeanstalt war mein Revier. So langsam war ich rein äußerlich ein wenig männlicher geworden. Die piepsige Stimme hatte sich durch den Stimmbruch verändert, die dünnen Arme und Beine waren etwas muskulöser geworden, die hängenden Schultern waren verschwunden und der Gang war gerader geworden.
Jetzt wollte man Aufmerksamkeit erhaschen bei den Mädchen. Es sah stark aus, wenn ich, gelangweilt scheinend, am Geländer der Beckenumzäunung stand, um dann urplötzlich, natürlich nur bei entsprechender Aufmerksamkeit einer jungen Dame, kopfüber über das immerhin 1,50 m hohe Hindernis, ohne mich vorher abzukühlen, ins Wasser sprang. Nach dem Auftauchen ging die Show weiter, der Kopf wurde ruckartig zur Seite gedreht, damit die langen Haare aus dem Gesicht fliegen konnten, die Lippen wurden zusammengepresst und kurz über der Wasseroberfläche die Luft herausgequetscht. Das führte dann immer zu einem Geräusch, vergleichbar mit dem Gebrüll von Seehunden.
Irgendwann hatte ich ein Auge auf ein Mädchen mit dunkelbraunen Haaren und einem "Pferdeschwanz" geworfen. Sie war nicht besonders groß, aber in ihrem durchgängigen gelben Nylonbadeanzug konnte man schon frauliche Rundungen an Busen und Po erkennen. Ihr Gesicht war übersäht mit niedlichen kleinen Sommersprossen. Mein "Balzen" stieß nicht auf direkte Ablehnung und irgendwann durfte ich sogar zu ihr auf die Decke im Freibad! Meine Freunde waren ab sofort für mich gestorben. Alles, außer Renate, so war ihr Mädchenname, war auf einmal unwichtig für mich. Sie wohnte in der Stadt. Bald darauf, verabredeten wir uns zum ersten Mal außerhalb des Freibades, dann beinahe täglich. Wir gingen immer eine halbe Stunde gemeinsam spazieren, gesittet nebeneinander ohne "Händchenhalten", denn wir hatten Angst, dass uns jemand so sehen würde.
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