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Ricky
Irgendwann wohnte plötzlich Frau Richtling mit ihrem Sohn Rüdiger auf unserer Straße. Sie kamen aus Bautzen in der Nähe von Dresden. Das musste irgendwie hinter dem Ural gewesen sein, denn sie sprachen einen Dialekt, der für mich völlig ungewohnt und fremdartig war. Sie waren Flüchtlinge, hatten aber sicher nach der Flucht vor den Russen erst einmal woanders im Westen gewohnt.
Ricky, so nannte ich den Jungen später, war so alt wie ich, so groß wie ich und so stark wie ich und wir wurden bald ganz dicke Freunde. Wir hielten zusammen wie Pech und Schwefel, keiner hatte eine Chance gegen uns.
Ich hatte nie darüber nachgedacht, warum Ricky keinen Vater hatte, aber auf einmal war er da. Er war in Russland in Kriegsgefangenschaft gewesen und war jetzt wieder zu Hause. Ich war entsetzt, als ich ihn nach seiner Heimkehr sah, ein dicker, gütig hereinschauender Mann, der lächelnd ohne ein Wort zu sagen, mich nur ansah.
Eine lange Zeit war vergangen, Ricky und ich waren Freunde geblieben aber nicht mehr so oft zusammen, weil wir nicht in die gleiche Schule gingen. "Frau Richtling bekommt ein Kind", sagte mir meine Mutter. Ich verstand das nicht, denn in meinen Augen war sie schon viel zu alt dafür. Die Geburt endete tragisch. Frau Richtling bekam Zwillinge, ich glaube zwei Mädchen und verstarb bei der Geburt.
Kurze Zeit später hieß es: "Herr Richtling hat wieder geheiratet. Seine neue Frau bringt auch einen Sohn mit in die Ehe".
Auf einmal war er da, der neue Stiefbruder von Ricky. Tagelang hörte ich nichts mehr von meinem Freund. Auf einmal traten beide vor die Türe, ich saß gerade mit meinen anderen Freunden auf einer Mauer. Beide gingen wortlos an uns vorbei, wobei der Stiefbruder mich frech angriente. Ricky schaute nur verlegen zu Boden. Von da an haben wir nie mehr ein Wort miteinander gesprochen!
Hin und wieder sah ich Ricky noch einmal im Schwimmbad. Er beherrschte einen fulminanten Kopfsprung vom 5-Meter-Brett. Nach dem Absprung reckte er den Oberkörper nach oben, breitete die Arme aus, um dann sauber und spritzfrei ins Wasser zu gleiten. Das konnte ich nicht. Bei mir war bei 3 Meter das Ende der Fahnenstange und mein Kopfsprung war deutlich weniger elegant.
Ricky ist nach der Schule zum Kaufhof gegangen, ich glaube als Verkäufer für HOB. Wir verloren uns dann völlig aus den Augen.
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