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Marschallstrasse                   Das Bläuken

Marschallstrasse - Erinnerungen von Udo Knepper






Das Bläuken

Eigentlich sind die Farben rot und blau so unterschiedlich, dass man sie nicht verwechseln kann, es sei denn, man wäre farbenblind. Aber bei uns damals war jemand mit roten Haaren immer ein "Bläuken". Es gab damals ein Spottlied, was meine Mutter öfters sang. Der Text hatte hohes Niveau:

Wenn der Blau nach Hause kommt,
dann ist die Mutter froh,
dann brauch sie kein Petroleum mehr,
der Blau der leuchtet so.

In unserer Nähe wohnte ein Zwillingspärchen, beide hatten knallrote Haare. Sie waren so alt wie ich, aber etwas klein und zart geraten. Der Junge kam auch häufig in unsere Clique. Er hatte es aber nicht nur wegen seiner Haarfarbe bei uns nicht leicht. Da er nicht auf unserer Straße wohnte, war er keiner von uns. Das Haus, in dem ich mit meinen Eltern wohnte, hatte auf der Rückseite hinter dem Hof, etwas höher gelegen, einen kleinen Garten. Überwiegend Wiese, auf dem die Wäsche zum "Bleichen" ausgelegt werden konnte, ein immer geharkter Weg an einer Seite, abgegrenzt durch einige Beerensträucher.

Wenn der Winter zu Ende ging, bildeten sich jedes Jahr am Ende des Gartens größere Nester mit wunderschönen Schneeglöckchen. Eines Tages sah ich vom Küchenfenster aus, wie das männliche "Bläuken" von der anderen Seite durch den Zaun fasste und einige Schneeglöckchen heraus riss. Ich war außer mir. Was machte dieser Zwerg? War so dreist und klaute "meine" Schneeglöckchen! Bei nächster Gelegenheit stellte ich ihn im Beisein meiner Clique zur Rede und verdrosch ihn anschließend, weil er nicht einsichtig war. Wie ein begossener Pudel schlich er von dannen und ich hatte der Gerechtigkeit Genüge getan.

Einige Tage später tauchte er wieder bei uns auf. Er näherte sich mir langsam und unauffällig von der Seite und trat mich mit voller Wucht in den Po! Bis ich das Ungeheuerliche realisiert hatte, hatte er sich bereits umgedreht und war davon gerast. Ich versuchte noch ihn einzuholen, was mir nicht gelang, weil er sehr schnell war und vor allem Haken schlagen konnte wie ein Hase.

Das war für mich eine herbe Niederlage, vor allem weil meine Freunde alles mitbekommen hatten.

Auf der anderen Seite hatte das "Bläuken" sich damit nicht nur revanchiert und rehabilitiert, sondern bei den anderen, da er ja viel kleiner und schwächer war als ich, allergrößten Respekt gewonnen.



Den Text hat Herr Udo Knepper freundlicherweise zur
Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt.


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/  Marschallstrasse 10 Das Bläuken

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