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Marschallstrasse                   Das Klo

Marschallstrasse - Erinnerungen von Udo Knepper






Das Klo

Wie gesagt, ein Badezimmer hatten wir nicht, die Zinkwanne aus dem Keller wurde an jedem Freitag-Abend für die Ganzkörperreinigung genutzt, ansonsten musste man in der Küche am Spülstein das Notwendigste erledigen.

Noch viel schlimmer aber war die Tatsache, dass es pro Etage nur ein Klo gab, für die Stockwerke 1 bis 3 waren die Toiletten eine halbe Etage tiefer zu finden. Spartanisch eingerichtet, die Kloschüssel darüber der Wasserkasten. Zur Spülung nutze man die Kette, an deren Ende ein verziertes Keramikstück am letzten Glied der Kette angebracht war. Wenn man daran zog, öffnete sich der Mechanismus und eine dosierte Wasserladung donnerte ein Rohr hinunter und spülte mit Schwung das Ganze weg. Ich kann mich nur an die Toilettenpapierrolle an der Wand erinnern, bin aber sicher, dass auch bei uns das in handtellergroße Stücke selbst hergestellte Toilettenpapier aus alten Zeitungen am Anfang benutzt wurde. Das Ganze aufgespießt auf einem dicken Nagel.

Wir wohnten, wie gesagt, auf der ersten Etage. Die Wohnung neben uns bewohnte ein Ehepaar, was in etwa im Alter meiner Eltern war, zusammen mit der Mutter des Mannes. Sie hatten noch einen kleinen Hund, der war uralt und mausgrau, in meinen Augen richtig hässlich, der hieß "Arco". Mit den Leuten hatten wir überhaupt keinen Kontakt. Außer "guten Tag", war nichts. Warum, weiß ich eigentlich nicht, allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass meine Mutter große Probleme wegen der Hundehaare von "Arco" hatte, vielleicht aber auch die Tatsache, dass alle sechs Leute sich die Toilette teilen mussten. In der "Hauptverkehrszeit" waren Probleme sicher vorprogrammiert.

Vielleicht war ich so um die Dreizehn bis Vierzehn, als ich für das "große Geschäft" einen höchst ungesunden Rhythmus gefunden hatte. Ich ging nur alle 3 bis 4 Tage, dann aber richtig! Die Sitzung konnte durchaus eine halbe Stunde dauern. Ich habe dann zwischendurch auch niemals "abgezogen", sicher weil man im Sitzen dabei immer ganz schön nass um den Po wurde. Da speziell in der kalten Jahreszeit ein geöffnetes Klofenster das Vergnügen erheblich reduzierte, ließ ich es auch gewöhnlich fest verschlossen. Das Vergnügen war natürlich sehr einseitig, denn oft genug hörte ich von den Leuten unter uns, wenn sie ihre Wohnung verließen und das Treppenhaus betraten, einen Entsetzensschrei und ein anschließendes demonstrativ lautes "Aufreißen" der Fenster im Hausflur.

Schlimmer noch erging es der alten Dame auf unserer Etage. Sie war gehbehindert und hatte möglicherweise eine schwache Blase. Es kam regelmäßig vor, wenn ich so in meinem Mief hockte, dass ich mit bekam, wie eine halbe Etage über mir die Wohnungstüre sich öffnete. Am langsamen Schritt, verbunden mit dem "Klack" der Gehilfe, Stufe für Stufe, hörte ich sofort, dass Oma wieder auf dem Weg zur Toilette war. Natürlich hatte ich die Klo-Türe verschlossen, Oma drückte auf die Klinke, stöhnte kurz auf und mühte sich wieder unter Ächtzen und Stöhnen die Treppe hinauf.

Ich muss zu der Zeit eine sadistische Ader gehabt haben, denn die Tränen liefen mir oft vor Schadenfreude die Wangen herunter, wenn die alte Dame noch ein bis zwei weitere Fehlversuche hatte.



Den Text hat Herr Udo Knepper freundlicherweise zur
Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt.


 

Zeitzeugen / Marschallstraße / 07 Das Klo