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Marschallstrasse                   Die Wanne

Marschallstrasse - Erinnerungen von Udo Knepper






Die Zinkwanne

Sie hing in unserem Keller an einem großen Nagel an der Bretterwand, die Zinkwanne. Oval, zwei Haltegriffe gegenüberliegend, einige "Sicken" zur Stabilisierung.

In den Mietwohnungen der Mehrfamilienhäuser gab es keine Badezimmer. Wir hatten praktisch, wie alle anderen auch, nur drei nahezu gleichgroße Räume. Im Schlafzimmer dominierte bei uns ein Doppelbett, am Kopfende an den Seiten jeweils eine Nachtkonsole. Zwischen den Betten und dem viertürigen Schrank war gerade noch Platz zum durchzukommen. Neben dem Schrank noch eine Kombination aus drei großen Schubladen, darüber eine Platte und darauf ein jeweils auf beiden Seiten klappbarer Spiegel. Auf den Namen dieses Schmuckstücks komme ich im Moment nicht mehr.
An eine geflochtene Wäschetruhe kann ich mich noch erinnern und, dass die Schlafzimmer nicht beheizbar waren. Im Winter, wenn es richtig knackig kalt war und die Fenster zu vereisen begannen, musste die Wärmflasche aus Steingut ins Bett, damit man es darin überhaupt, bis endlich die Körperwärme etwas Temperatur unter die Daunendecke gebracht hatte, aushalten konnte.
Das Wohnzimmer war das schönste Zimmer. Ein Schrank, eine Musiktruhe mit eingebautem Plattenwechsler für die damals üblichen Schellackplatten. Für die empfindlichen Platten gab es einen Ständer. Dieser war in der Truhe untergebracht. Zwischen die einzelnen Trenn-schienen wurden die Scheiben abgestellt. Ich kann mich noch erinnern an die Titel : "Alle Tage ist kein Sonntag", "Zwei Spuren im Schnee". So eine Schallplatte kostete damals richtig viel Geld. Ich meine, so um die vier Mark in den fünfziger Jahren.
Auf der Truhe stand das "Grundig-Radio" mit einigen Bakelite-Druckknöpfen für MW, KW, LW und UKW.

Genehmigung zur Errichtung und zum Betrieb einer Empfangsanlage für den Unterhaltungsrundfunk aus dem Jahr 1927 (Sammlung MOMBERGER)

Genehmigung zur Errichtung und zum Betrieb einer Empfangsanlage
für den Unterhaltungsrundfunk aus dem Jahr 1927.

Im Wohnzimmer standen zwei Sessel , eine Leselampe ein kleiner Tisch, darauf ein Aschenbecher für meinen Vater, der Zigarillos rauchte. Die Aschenbechervorrichtung bestand aus einem geschnitztem Hund, einem Foxterrier, und einem kleinen roten Bakelite-Aschenbecher. Übrigens habe ich den Hund mit dem Aschenbecher heute noch.

Speziell der Samstag Abend war für mich schön. Man durfte länger aufbleiben, lange gemeinsam Radio hören ( ich erinnere mich noch an Jaques Königstein und seine Sendung) die Eltern tranken "Kalte Ente", aber auch die Übertragungen von Fußballspielen, ganz besonders natürlich die Fußball-WM 1954 in Bern, und Boxkämpfen zwischen Hein ten Hoff und Heinz Neuhaus, begeisterten mich wahnsinnig. Reporter dieser Box-Übertragungen war damals Kurt Brumme, dessen sonore Stimme ich noch viele Jahre später bei den Bundesliga-Übertragungen im WDR gehört habe.

Der besondere Clou des Wohnzimmers war der Erker. Eine Stufe höher gelegen mit der Möglichkeit einen Sessel dort zu stellen, hatte man von dort aus einen freien Blick auf den oberen Teil der ganzen Straße. Meine Mutter saß dort gern, las einen Liebesroman aus der Leihbibliothek, oder beobachtete die Leute, die auf unserer Straße gingen.

Weihnachten stand in dem Erker der Tannenbaum, geschmückt war er Jahr für Jahr gleich. Viel Lametta, großzügig auf die Zweige verteilt, Kugeln und Spitze silberfarbig. Am Anfang natürlich nur mit Wachskerzen, aber sobald die elektrischen Kerzen zu kaufen waren, wurden nur noch diese eingesetzt.

Im Wohnzimmer stand ein Ofen, der wurde im Winter aber nur an den Wochenenden und zu Weihnachten angemacht, mit der Konsequenz, dass in der kalten Jahreszeit das Leben wochentags nur in der Küche sich abspielte.

In der Küche stand der "Allesbrenner" von der Firma Hohmann und daneben der dreiflammige Gasherd. Es war für mich immer spannend, wenn Mutter sich anschickte das herausströmende Gas anzuzünden. Mit dem Gasanzünder funktionierte das nicht immer beim ersten Mal, und beim zweiten und dritten Versuch gab es immer einen recht lauten Knall. In der Mitte stand der große Tisch mit vier Stühlen. Man konnte ihn an beiden Seiten ausziehen, dann passten acht Menschen daran. Den Tisch haben wir später in der Küche auch zum Tischtennis spielen "missbraucht". Der Spülstein war aus Steingut und so groß dimensioniert, dass wir Kinder, als wir noch klein waren, darin uns stellen konnten und mit kaltem Wasser speziell die verdreckten Füße und vor allem die immer lädierten Knie von den Müttern abgewaschen wurden. Das war immer äußerst unangenehm.

Die Küche war an einer Seite durch einen Vorhang abgetrennt, dahinter stand eine Couch, wo ich als ich älter wurde, schlafen konnte. Insgesamt, so schätze ich, hatten wir höchsten 60 qm Wohnfläche und dennoch hat mein Vater es geschafft, dass eine Zeit lang noch eine Batterie mit vielen Aquarien, in der die unterschiedlichsten Warmwasserfische sich tummelten, in der Küche auch noch Platz fand.

Zurück zur Zinkwanne. Die kam jeden Freitag Abend zum Einsatz. Mutter hatte den ganzen Tag auf dem Allesbrenner große Töpfe mit Wasser stehen. Wenn das Wasser darin heiß war, wurde die Wanne aus dem Keller geholt und in die Küche auf den Boden gestellt. Der Inhalt der Töpfe wurde in die Wanne gefüllt und ich kam als Erster in den Genuss. Nach mir kam meine Mutter und zuletzt mein Vater in die Ganzkörperreinigung. Ganz ausgetauscht wurde das Wasser nicht. Nur bei Bedarf wurde oben etwas abgeschöpft und der Inhalt mit heißem frischem Wasser veredelt.

Im Sommer erfuhr die Zinkwanne noch einen Zweitnutzen. Wenn es richtig schön heiß war, standen einige Stunden vier Stück nebeneinander auf dem Hof in der prallen Sonne. Wenn die Temperatur es zuließ, wurde das "Freibad" für uns vier Kinder im Haus freigegeben, d.h. jedes Kind sprang jauchzend in seine Wanne. Es wurde geplanscht mit einem ohrenbetäubenden Geschrei. Wenn wir blaue Lippen bekamen und nicht mehr mit dem Zittern aufhören konnten, legten wir uns auf die auf den Steinen ausgebreiteten Handtücher und wärmten uns auf, bis das Spiel von neuem begann. Zwischendurch erfrischten wir uns an selbst gemachter Limonade, sie bestand aus Essig, Zucker und Leitungswasser, und es wurde an Salmiakstückchen geschleckt, die wir uns in Sternenformation mit Spucke auf die Handrücken aufgeklebt hatten.

Ich war der einzige Junge, die anderen drei waren Mädchen. Wir hatten getrennten Umkleideecken für die Mädchen und für mich. Die Kinder von anderen Häusern durften nicht in unsere Badeanstalt.



Den Text hat Herr Udo Knepper freundlicherweise zur
Veröffentlichung auf dieser Website zur Verfügung gestellt.


 

Zeitzeugen / Marschallstraße / 06 Die Wanne